Bei der Gestaltung von Bildern geht es immer auch um Schönheit. In der zeitgenössischen bildenden Kunst ist dieser Begriff allerdings sehr wenig in Gebrauch, ganz zu schweigen vom Begriff der „schönen Landschaft“. Das Zeichnen von Landschaften hat mich zur Beschäftigung mit Architektur (einschließlich Landschaftsarchitektur) und schließlich auch zu den Machern, den Architekten geführt.
Für mich verblüffend ist, dass die Beschäftigung mit Landschaft und Schönheit in der zeitgenössischen Architektur weitaus lebendiger scheint als in der zeitgenössischen bildenden Kunst.
„Zwischen Bild und Realität“ ist der Titel eines kleinen Bandes der im GTA Verlag, ETH Zürich erschienen ist (2006).
Darin enthalten ist unter anderem ein ganz bemerkenswerter Vortrag von Architekt Peter Zumthor. Die Qualität des direkten Zuganges zum Landschaftserlebnis und die daraus entstehende Verbindung zum Erleben von Schönheit sind sehr anschaulich und außerordentlich klar beschrieben. Ebenso eindrücklich wird die Verbindung zur Welt der inneren Bilder aufgezeigt. Besser kann man auch über Landschaftsmalerei nicht schreiben.
Zitat Anfang:
„Valser Sommer
Vor zwei Tagen sass ich in Vals auf der Terasse des Hotels,es war zum ersten Mal wirklich Sommer. Das Licht und die Spuren am Hang, die Menschen, die am Hang arbeiten, diese Stimmung, die mich schon als Junge faszinierte und die mir das Wort „Sommerfrische“ begreifbar machte. Jetzt war er wieder da, dieser Alpensommer, so klar, blau, frisch und grün, wie er war. Und ich empfand für Augenblicke dieses Gefühl des Daseins und des Nichts-anderes-Wollens als da zu sein. Das Gefühl war nicht oberflächlich, nicht durch Verführung oder künstliche Manipulation meiner Umgebung hervorgerufen, sondern entstanden durch die Anschauung des grossen Valser Talhanges. Ein Naturerlebnis, Kulturlandschaft.
Das war ein starkes Gefühl von Schönheit. Ich erlebe die Magie des Realen, des realen Erlebens von Dingen.
Die Wirklichkeit beeindruckt mich in bestimmten Momenten. Ich bin berührt durch eine Anschauung. Ich empfinde Schönheit. Und durch eine Wechselwirkung entsteht, währenddem ich noch schaue, schon ein inneres Bild von dem, was ich sehe. Mir scheint, dass ich als junger Mensch die Schönheit noch erlebte, ohne zu wissen, was Schönheit ist, ohne dass sich der Zauber des Augenblicks sofort mit früher erlebten Schönheiten vermischte. Es hat vielleicht mit dem Alter zu tun, dass mir die Magie des Realen jetzt sofort zum Bild wird. Und in dieses Erleben von Körpern und wirklichen Dingen spielen ältere Bilder mit hinein, Bilder meiner vielen Sommer in den Bergen. Mein neues Bild dieses Alpensommers und die Alpensommerbilder meiner Jugend beeinflussen sich gegenseitig. Keines dieser Bilder bleibt dabei so wie es ursprünglich war. Das Bilderlebnis des Augenblicks wird durch Erinnerungen verdichtet und intensiviert. Offensichtlich verweist ein Bilderlebnis sofort auf ein inneres Bild, das selber wiederum aus erlebten, erdachten oder erträumten Bildwirklichkeiten hervorgegangen ist. Ich erlebe Realität, konkrete Wirklichkeit, auf eine intensive Weise, spüre ein Verlangen nach ihr. Es ist eine Vergewisserung der Wirklichkeit, die mir das Gefühl gibt, in der Welt aufgehoben zu sein. Wir tragen einen unermesslichen Vorrat an inneren Bildern, einen immensen Bilderspeicher in uns. Dieser persönliche Reichtum verändert sich stets durch neue Einflüsse und intellektuelle Bearbeitung. Alles wird betrachtet, verarbeitet und in Verbindung gesetzt. Es gibt die Magie des Realen, des Körpers, des wirklichen, realen Daseins der Substanzen, und es gibt den Zauber der Bilder, der inneren Bilder oder der Abbilder. Beides gehört auf eine schöne und komplexe Weise zusammen und beeinflusst sich gegenseitig“
Zitat Ende
Quelle:
Peter Noever, Ralf Konersmann, Peter Zumthor
Zwischen Bild und Realität.
Architekturvorträge der ETH Zürich, Heft 2
GTA verlag 2006
ISBN 10 3-85676-191-8
ISBN 13 978-3-85676-191-2
http://books.gta.arch.ethz.chDieses Erlebnis von Schönheit ist es was mich immer wieder auf meinen Spaziergängen und Wanderungen durch die Landschaft begeistert. Mich beschäftigt die Frage, an welche Voraussetzungen dieses Erleben von Schönheit geknüpft ist. Ist es abhängig von der Landschaft, in der man sich bewegt? Oder könnte solch ein Erlebnis überall stattfinden, wenn man denn in der richtigen „Stimmung“ ist ?
Zumthors Text ruft in mir Erinnerungen an Erlebnisse realer Landschaften der Kindheit und des Erwachsenenalters wach, aber auch an Erlebnisse bei der Betrachtung von „Abbildern“ so wie etwa das Staunen vor Monet`s Heuhaufen im Louvre vor mehr als 25 Jahren oder die stille Freude und Ruhe beim Anblick der Tuschezeichnungen eines unbekannten Künstlers in Südfrankreich.
Ähnliches habe ich auf meinen Gängen durch Stuttgart nur einmal erlebt und zwar beim Spaziergang von Degerloch in die Stadtmitte über den
Schimmelhüttenweg. Es war ein schwüler, gewittriger Tag und meine Zeichnung der Weinberge musste schnell zwischen zwei leichten, erfrischenden Regenschauern im Stehen anfertigt werden. Das Glitzern der Regentropfen auf dem Laub der Reben, der bewegte Himmel im Wechsel von dramatischer Bewölkung und durchbrechender Sonne und der wunderbare abwechslungsreiche Blick ins Tal zur Stadt und auf die umgebenden Hänge mit Wein und Wald sind mir unvergessen.
Damals kam dieses Erlebnis völlig überraschend wie ein Geschenk, denn zuvor hatte ich die
Tristesse an der B27 im Bild festgehalten. Der gesamte Tag stand danach unter dem Einfluss dieses Erlebnisses. Hätte ich damals einen anderen Weg gewählt, z.B. entlang der Hauptstrasse Mitten in der Bebauung, so wäre der Tag sicher nicht so heiter verlaufen.